Hier eine Wiedergabe der Rezension im aktuellen Zunftblatt. Ich gebe dabei zu bedenken, dass es sich bei dem Autor (mir) vor allem um einen Setting-Begeisterten und weniger um einen Regelfuchs handelt.
Frostzone -“ Die Quintessenz des Cyberpunk
Nackter Stahl
ca. 560 Seiten
ca. 50 Euro
Deutsche Rollenspielneuheiten entstehen in den letzten Monaten zu Hauf. Gott sei Dank. Da darf auch eine Neuheit aus dem Hause -žNackter Stahl-œ nicht fehlen. Und wer diesen Verlag kennt, weiß, dass hier keine Schnellschüße fabriziert werden. Bereits bei ihrem epischen Dark-Fantasy-RPG -žArcane Codex-œ haben sie durch einen akribischen Perfektionismus in der Komposition des Buches, vom Hintergrund bis zum Layout, überzeugt.
Nun haben sie mit -žFrostzone-œ sich selbst noch bei weitem übertroffen. Bei einem Umfang von fast 560 Seiten in Vollfarbe geht dem Rollenspiel-Junkie bereits das Herz auf. Das Artwork ist wirklich umwerfend eindrucksvoll und detailverliebt. Dieses Buch ist für sich genommen bereits ein Kunstwerk. Doch natürlich macht eine schöne Optik noch kein gutes Rollenspiel. Und gerade im Cyberpunk-Genre ist die Konkurrenz nicht zu ignorieren. Shadowrun thront als Traditionssystem schon lange über diesem Genre, mit Heredium ist ein weiteres hervorragendes System an den Start gegangen und andere sehr gute Vertreter werben um die Gunst des Spielers. Wie will -žFrostzone-œ sich auf einem so hart umkämpften Sektor behaupten? Die Antwort: durch Qualität und eine gelungene Mischung aus Tradition und Innovation, wie sie bei Arcane Codex bereits zu finden ist. Und natürlich durch ein Regelsystem, das aus den kleinen Ungereimtheiten der Vergangenheit gelernt hat und nun auch in den Details ausgewogen und stabil daherkommt.
Die Welt von Frostzone ist eine Welt voller Widersprüche. Nur eines ist von Anfang an klar: Sie ist eiskalt und tödlich. Eine neue Eiszeit hält diese Welt -“ unsere Welt im Jahre 2098 -“ in ihrem Würgegriff. Die Kontinente haben sich leicht verändert und auserhalb der Städte ist eine frostige Wüste entstanden. In ihrem Wahn haben Menschen Genexperimente angestellt, um Leben zu schaffen, dass sich ideal an die neuen Temperaturen anpassen kann. Und so bevölkern nun geklonte Urzeitbestien und Neanderthaler diese Einöde. Doch mehr scheint sie umzutreiben als der pure Durst nach Leben -“ ein mystisches Band scheint sie einer unbekannten Bestimmung entgegen treiben zu wollen. Dieser überspannende Metaplot wird gleich zu Anfang des Buches eindringlich in einem kleinen Comickunstwerk illustriert, dass echte Weltklasse besitzt.
In den Städten ist das Leben rauh und dekadent zugleich. Drogen stimulieren die Menschen zu Kaufentscheidungen, Computerüberwachung ist allgegenwärtig und der Kühlschrank erledigt die Einkäufe. Armut ist keine Seltenheit und die natürliche Selektion hat einen neuen Höhepunkt erreicht.
Gleichzeitig wird die eigene Existenz maßgeblich bestimmt durch das Territorium, in dem man sich befindet. Denn die Megakonzerne haben die Welt unter sich aufgeteilt und führen einen erbitterten Krieg um Ideologien und Macht. Dabei sind die Ideologien so mannigfaltig wie vielfälltig. Amerika zum Beispiel wird von der strikt basisdemokratischen Freelands Alliance durch die Stimme des Volkes gelenkt, während Europa in einem extrem starren und darwinistischen System des Alpha Konsortiums nach dem Übermenschen forscht und sich in Kanada mit der Chruch of Clone eine Glaubensgemeinschaft ausgebreitet hat, die versucht, den wahren Messias aus dem Erbgut der Menschen zu extrahieren. Das südamerikanische Cluster ist in der Hand von Cycore und seinen Cyborgs und die Assasine von Skimitar beherrschen die United Emirates, Afrika ist eine einzige Kriegszone und ein Konzern namens Troika bestimmt das Schicksal Russlands. Doch die wohl faszinierendsten Fraktionen sind auf der einen Seite Gothika, eine nekromantische Organisation, die sich den nördlichen Polarkreis unter den Nagel gerissen hat, auf der anderen Seite Okton Investment, die mit ihren Untersee-Technologien die Ozeane kontrollieren und damit ein riesiges Herrschaftsgebiet aus dem nichts erschaffen haben. Wenn solche Gesellschaften auf einander treffen, ist klar, dass ein tödliches Spiel beginnt. So wird nicht nur offen Krieg ausgetragen und Allianzen geschmiedet, auch im Verborgenen laufen viele verdeckte Operationen durch Eliteteams, die Black Ops. Und ein Mitglied einer solchen Elitegruppe ist der durchschnittliche Spielercharakter. Bei einer solchen Vielzahl von Gruppierungen auf der Welt ist es nahezu unvermeidbar, dass auch die Optionen für die Charaktererschaffung ausgesprochen vielfälltig ausfallen. Es bleibt kaum ein Wunsch offen und selbst das scheinbar Unmögliche bleibt den Spielern nicht verschlossen.
Dafür sorgt unter anderem auch die Menge der spielbaren Rassen, die für das mystische Flair von Frostzone sorgen. Werworlfsoldaten, vampirartige Nekroide, Psionker oder sogar Naniten, also Wesen aus Nano-Organismen sind als Spielerrassen ebenso vorstellbar wie Menschen oder deren hochgerüstete Counterparts, die Alphas und die Engel der Church of Clone.
Aber auch spezielle Kampfsportarten wie Shark Bite, Ninjutsu und ähnliche mit über 130 Kniffen erlauben cineastische Momente, die den Charakter individuell zum Fokus der Aufmerksamkeit des Spiels machen können.
Außerdem stehen mehr als240 frei kombinierbare Black Op Techniken zur Verfügung. Diese umfassen von der speziellen Kampftechnik über atemberaubende Stunts bis hin zur spezialisierten Verhandlungstechnik ein buntes Spektrum. Der Verfeinerung des Charakters sind also wirklich keine Grenzen gesetzt.
Mit einer Atmosphäre, die irgendwo zwischen Bladerunner, Gattaca, Underworld und Minority Report mit einer guten Brise Gibson anzusiedeln ist, wobei auch das Gothic-Element nicht zu kurz kommt, beschreitet dieses Spiel definitiv neue Wege und bricht mit gewohnten Normen des Genres. Das ist erfrischend und faszinierend und verleiht Frostzone den eigenständigen Charakter, der dieses Spiel so reizvoll macht.
Für Spieler, die bereit sind, sich auf etwas Neues einzulassen, und die sich an komplexen und vielschichtigen Spielhintergründen erfreuen können, ein echtes Muss! Besonders viel Spaß macht die Lektüre des Grundregelwerkes, wenn man dabei die offizielle Titelmusik im Hintergrund laufen läßt. Sie findet sich in der Downloadsektion auf unserer Homepage.